Der große Wendepunkt!

Ende Oktober vergangenen Jahres ist es passiert: mich hat ein neues Boot gefunden!

In den vergangenen Jahren ist uns auf der Mascot immer wieder aufgefallen, dass es schön wäre, wenn unter Deck mehr Platz wäre. Eine stille Beobachtung des Bootsmarkts begann mich zu begleiteten. Hin und wieder habe ich auch etwas Interessantes gefunden, dass jedoch in monetärer Hinsicht schwierig umzusetzen wäre. An einem Nachmittag im Oktober passierte es auf der Couch: Auf einem mir unbekannten Portal wurde plötzlich ein Finnsailer 38 „hochgespült“. Der Preis war günstig und so griff ich zum Telefon und habe den Inserenten angerufen. Michael aus Oldenburg war ganz überrascht, denn er hatte die Anzeige eigentlich schon gelöscht und den Verkauf seines Bootes aufgegeben. Dank des Internets, dass keine Daten „verliert“ ist der Kontakt entstanden, der einen Wendepunkt in meinem Boots-Leben bewirkt hat!

Über den Reformationstag, Ende Oktober fahre ich in der Regel zu meinem Segelfreund Klaas nach Makkum an Ijsselmeer, um auf seinem Boot die Waddenzee unsicher zu machen. Damit habe ich den Rückweg über Oldenburg genutzt, um in Hooksiel einen Abstecher zu machen, wo der Finnsailer im Winterlager steht. Michael begrüßte mich sehr freundlich und sofort ist ein schönes Verhältnis entstanden,- ein Glücksfall!
Dann stand ich vor dem Schiff und war zunächst von den Ausmaßen überwältigt. Auf den zweiten Blick konnte ich erkennen, dass der Rumpf bereits lackiert wurde, allem Anschein nach händisch. Das Unterwasserschiff machte einen soliden Eindruck, insbesondere das metallene Ruderblatt (!) sowie der dreiflügelige Propeller und die dicke Welle überzeugten mich.


An Deck sah ich weitere händische Lackierarbeiten. Der Eindruck hielt sich: ein solides Schiff mit abgefahrenen Ecken und Kanten. Was nicht ganz passte, war das Rigg und die Stagen. Alles sah relativ neu aus, was Michael auch später erläuterte. In den vergangenen Jahren wurden nicht nur das Rigg, sondern die Ventile, die Elektrik (NMEA 2000), Polster und einiges mehr erneuert. Das Steuerhaus überzeugte mich natürlich sofort! So viel Platz unter einem festen Dach und ein Steuersitz, der seinen Namen auch verdient, kamen weiter auf die Positiv-Liste.
Das überzeugendste Argument zeigte mir Michael, indem er den Cockpitboden öffnete: Darunter lachte mich ein blau lackierter Solè Diesel mit 4 Zylindern und 72 PS an! Dass der nur knapp 300 Betriebsstunden zählt, hat das positive Gefühl weiter unterstrichen!
Unter Deck ist der Ausbau nach Art der 80er ausgeführt: relativ viel dunkles Holz mit akzentuierten weißen Deckenflächen, die leider auch händisch lackiert wurden. Der Raum und die Höhe der Kabine sind mit meiner knapp zehn Meter langen Mascot nicht zu vergleichen,- insbesondere die Achterkammer, zu der man allerdings in gebückter Haltung von der Pantry nach hinten durchgehen muss. Hier ist die Doppelkoje, von der ich schon lange träume!
Nach einem sehr netten Gespräch mit Michael und seiner Frau bin ich etwas verwirrt wieder zurück nach Lübeck gefahren. Was habe ich hier gerade erlebt? Ich habe im Kopf eine Plus- und Minus-Liste aufgestellt und ziemlich schnell festgestellt, dass ich dieses Boot kaufen muss! Das Projekt begann in meinem Kopf zu entstehen! Allerdings war mir eins klar: ohne einem Verkauf meiner Mascot ist die Umsetzung nicht möglich!


Nächstes Projekt: Bootsverkauf!
Die Entscheidung, meine Mascot zu verkaufen, reifte schnell. Die Herausforderung war Anfang November: wie bekomme ich das Boot zeitnah in einen verkaufsfähigen Zustand!? Das Boot stand vollkommen ausgeräumt und abgedeckt im Winterlager. Einige Reparaturen standen an, die ich jedoch im Frühjahr machen wollte. Planänderung: Ich nutzte die noch warmen November-Tage und arbeitete bis Mitte Dezember am Boot, um es in einen präsentierbaren Zustand zu bekommen. Pünktlich zu Weihnachten war das Boot fast fertig. Ich stellte eine Bilder-Präsentation zusammen und postete die Verkaufsanzeigen im Netz.


Schwierige Interessenten-Lage
Im Januar ging es los: der erste intensive Wintereinbruch mit Schnee. Auch das noch! Erste Besichtigungen folgten. Die Anfragen zeigten mir, dass es viele uninformierte Interessenten gibt. Der eine glaubte, dass das Boot im Standard eine Achterkammer hat, der andere wünschte sich mehr Raum und einen Toilettenraum neben dem Niedergang. Dann kam Andy aus Hamburg. Wie es schien, ein recht erfahrener Segler, der ein Boot für sich sucht und gerne einhand segelt. Wir wurden relativ schnell einig. Andy wollte unbedingt neue Anoden an der Welle, was mich noch mehr davon überzeugte, dass er es ernst meinen müsste. Dann kam der Hinweis, dass er den Vertrag nur mit gekrantem Boot im Wasser unterschreiben würde. Das Eis war mittlerweile gerade wieder abgetaut, als ich alles organisiert habe: Kranung, Maststellung, Segel beim Segelmacher ausgelagert und betriebsfertiger Zustand. Einen Tag vor der Kranung, ich war der erste in der Saison, sagte Andy „aus persönlichen Gründen“ ab!

Kurzzeitig habe ich beinahe den Verstand verloren! Wo sind die Segler, die ich suche? Dann kam Wilfried aus Wuppertal, mit dem ich seit dem Verkaufsstart im Dezember in Verbindung stand. Ein Anfang Siebzigjähriger, der es mit seiner Gemahlin noch mal wissen will. Im Vorfeld hatten wir bereits telefonisch intensiv verhandelt und waren uns einig. Er hatte früher schon eine LM und kannte die Mascot in- und auswendig. Auch er war ganz überrascht, dass das Boot Anfang März aufgeriggt und segelfertig im Wasser lag. Nach der Besichtigung verabredeten wir uns für den kommenden Tag, um den Vertrag zu unterzeichnen. Stattdessen kam nicht nur eine Absage per WhatsApp, sondern auch Anpöbelungen, dass das Boot nicht dem entsprach, wie es auf den Bildern dargestellt wurde. Ich war verzweifelt! Daraufhin kontaktierte ich am folgenden Tag einen Interessenten, dem ich das Boot zuvor gezeigt hatte, um zu fragen, welchen Eindruck er von meiner Mascot hatte. Er erklärte recht ausführlich, dass er vom Boot vollkommen überzeugt war und dass es in der Realität einen besseren Eindruck machte als auf den Internet-Bildern! Er war sich nur nicht sicher, ob er nicht doch lieber ein Motorboot kaufen sollte, was er auch später tat. So war ich wieder beruhigt und sicher in meinem Tun! Trotzdem gab es noch keinen Käufer, bis sich Ante (geänderter Name) meldete. Dann ging alles ziemlich schnell. Ante war nebst seiner Frau vom Boot überzeugt und wollte es kaufen. Wir wurden uns einig, machten nach einer ausgiebigen Besichtigung von über zwei Stunden (!) am nächsten Tag eine Probefahrt und unterzeichneten danach den Vertrag. Nebenbei besorgte ich dem neuen Eigner einen Liegeplatz an der Trave und überführte mit ihm das Boot dorthin. Zum Schluss habe ich ihm noch einen Rechtsfolgeantrag der Bundenetzagentur vorbereitet, sodass er meine Funkfrequenz übernehmen kann. Den AIS-Transponder habe ich auch noch ausgebaut u. bei SVB (auf meine Kosten) umprogrammieren lassen und erntete nach einem netten Telefonat mit Ante drei Tage später eine Mängelanzeige, die nun mit juristischer Unterstützung und weiteren Kosten (für mich) hoffentlich bald einen wahren Abschluss findet
Verkaufsprojekt eigentlich abgeschlossen?

Die vergangenen drei Monate kosteten enorme Anstrengungen, Zeit und Geld für die Online-Portale. Retrospektiv kann ich feststellen, dass sich Print-Anzeigen in der YACHT leider nicht mehr lohnen. Das Portal Kleinanzeigen ist scheinbar nur etwas für Schnäppchensucher und liefert wenig Resonanz. Die meisten relevanten Rückmeldungen habe ich von der skandinavischen Plattformen Scanboat.com und Boat24.com. Allerdings gibt es auch bei den Skandinaviern seltsame Befindlichkeiten: Ein interessierter Däne fragte vorab, ob es eine lückenlose (!) Dokumentation der Vita meiner Mascot gibt. Als ich ihm antwortete, dass es das nicht gibt, kam die deutliche Antwort, dass er kein Interesse mehr an dem Boot hat!? Ich war bisher der Meinung, dass das Boot im Mittelpunkt steht!? Leider entspricht das nach diesen Erfahrungen nicht mehr der Realität! Eine bittere Erkenntnis, die mich unsagbar traurig und auch wütend macht! Eins steht für mich fest: noch einmal werde ich einen Bootsverkauf nicht mehr machen! Darum müssen sich später meine Erben kümmern!