Die Überführung

Der Jade-Ostsee-Express

Umso dichter Pfingsten kommt, umso unruhiger bin ich geworden. Pünktlich zu meinem Geburtstag öffnete die Schleuse Hooksiel und die ersten Boote wurden geschleust! Es konnte losgehen!
Leider sind mir mittlerweile die meisten Crewmitglieder abgesprungen. Im April wären wir noch zu viert gewesen, zu Pfingsten waren alle selbst im Urlaub. Ich habe glücklicherweise Thomas gefunden, der mit seinen Elbeerfahrungen genau mein Mann ist!

Die Crew findet sich schnell beim Essen in der Fischbude im Schleusenhafen Hooksiel.

Nach vielen Hin- und her in der Routenplanung habe ich (wieder einmal) Michael, dem Nordsee-Segler vertraut und die Route mit der betonnten Abkürzung, von der der Jade in die Weser (Mittelrinne) gewählt. Drei Stunden vor Niedrigwasser Leuchtturm Alte Weser ist Abfahrt, sagte Michael. Nach meinen Berechnungen müssten vier Stunden vor Niedrigwasser noch mehr Wasser in der Abkürzung stehen, sodass ich eine frühere Abfahrt eingeplant habe.

Pünktlich um 9 Uhr fuhren wir ganz traditionell, mit einem Pfingstbusch am Heck, in der Schleuse und wurden relativ unspektakulär in die Nordsee ausgespuckt. Die Götter waren mit uns und ein äußerst kräftiges Hoch mit über 1030 Hektopascal bescherte uns eine spiegelglatte Nordsee => WAS für ein Geschenk!

Endlich: in der Schleuse Hooksiel!
Weitere Yachten warten auf die Durchfahrt in die Nordsee.
Die Nordsee hat uns!

So fuhren wir unter Maschine mit niedrigen Drehzahlen und ablaufendem Wasser in die Jade und bogen nach etwa einer guten Stunde rechts, in das Abkürzungs-Fahrwasser ab. Nach mehreren Schweinswal-Sichtungen haben wir uns vor lauter Geschnatter zweimal verfahren. Die Weser verläuft direkt daneben, sodass die Betonnungen nicht eindeutig für uns waren. Kein Problem: Wir hatten noch etwa drei Meter Wasser unterm Kiel!
Nach einer Kurve in die entgegengesetzte Richtung und einer Stunde gegen den Strom bogen wir links in das nächste Fahrwasser, am Leuchtturm Alte Weser vorbei.

Thomas hält Ausschau nach dem Tonnenstrich.
Ein seltenes Bild: LT Roter Sand im spiegelglatten Wasser!

Nach weiteren rund zwei Stunden waren wir endlich draußen: an Steuerbord das Scharhörner Riff und Bug voraus nichts mehr! Das nächste Land ist Norwegen!
Als wir oben rechts abgebogen sind und in die Elbmündung fuhren, fragte Thomas, was das für ein enorm großes Schiff mit weißem Mast im Dunst querab ist? Das war Helgoland! Wir hatten auch draußen, an der Elbansteuerung spiegelglattes Wasser und eine unglaublich gute Sicht!

Eine ziemlich markante Tonne: Elbe 1

Nach der Einfahrt in die Elbe hatte uns keine Flutwelle erwischt, die uns mit zweistelligen Knotenwerten nach Süden schiebt, sondern ein leichter Oberflächenstrom genau von vorne!? Selbst als Cuxhaven steuerbord querab lag, hatten wir keinen mitlaufenden Strom, obwohl dieser nach meinen Berechnungen schon längst hätte schieben müssen! Später erklärte mir Michael, dass dies mit der Elbe zu tun hätte und die Flutwelle tiefer durchläuft und quasi einen entgegen gesetzten Neerstrom an der Oberfläche erzeugt! Erst nach Cuxhaven setzte der eigentliche Flutstrom ein und schob uns mit etwa 2 Knoten und 8 Knoten über Grund bis vor die Schleuse Brunsbüttel. Nach einer kurzen Wartezeit durften wir in die kleine Schleuse hineinfahren. Eine halbe Stunde später haben wir es geschafft! Die Nordsee war bezwungen und wir lagen nach ca. elf Stunden Fahrt im nicht ganz gemütlichen Binnen-Hafen von Brunsbüttel. Unser Liegeplatz lag etwa drei Meter neben den in die Schleuse einfahrenden Schiffen. Alleine das Schraubenwasser quirlte mit lautem Getöse an der Bordwand vorbei.

Die Kugelbake von Cuxhafen stb voraus.
Einfahrt in die: Schleuse Brunsbüttel.
Viele Steine fallen mir vom Herzen: die Nordsee ist geschafft!
Krasser Liegeplatz in Brunsbüttel binnen.

Der nächste Tag bescherte uns eine ruhige Kanalfahrt, die wir in etwa acht Stunden absolviert hatten und am Nachmittag vor der Schleuse Kiel ankamen. Dort ließen sie etwa zehn Boote vor den Schleusen kreisen. Über Funk hörten wir, dass die Sportboote einfahren durften! In den riesigen Schleusenkammern verloren sich die Boote und ein heftig aufgefrischter West machte es einigen Crews schwierig, ein Anlegemanöver zu fahren. Da der Bezahlautomat auf dem Schleusen-Steg defekt war, konnten wir ohne die Kanalgebühr zu bezahlen durchschleusen. Ich war nicht traurig darüber 😉
Die Ostsee hatte unser Boot und ein Teilerfolg war geschafft! Jetzt fuhren wir rüber, nach Laboe und suchten einen Platz in der Baltic Bay Marina, um vernünftig Duschen zu können, da dies in Brunsbüttel nicht möglich war (Duschräume waren verschlossen).

Auf dem NOK.
NOK-Impressionen.
Ausschleusung in Kiel: die Ostsee hat uns wieder!

Nach dem Abfahren ALLER Boxengassen und vielen freien Plätzen, die allerdings rot markiert waren…, haben wir einen Platz im Kommunalhafen daneben gefunden. Mit einem traumhaften Sonnenuntergang verabschiedete sich dieser Tag. Leider war der Platz gegen den in der Nacht auffrischenden Nord ungeschützt. Das Boot ruckte in die Festmacher und weckte uns früh auf. Da wir eh zeitig losmussten, war es uns dann auch recht, die Festmacher zeitig loszuwerfen.

Auf dem Kiel-Fehmarnsund-Weg: endlich segeln!
Die Crew hat immer Hunger!

Der Nord hatte nachgelassen, aber eine alte Welle brachte das Boot ordentlich zum Schaukeln. Draußen, hinter dem Kiel-Fehmarnsund-Weg hörten wir über Funk, dass dieser frei ist und wir also früher abbiegen konnten! Mit ordentlich Welle von hinten schaukelten wir Richtung Fehmarn. Durch den etwas weiter südlich abgesetzten Kurs kam zum Schluss noch ein Marinebegleitboot und forderte uns auf, Kurs nach Nord zu machen. Mit einem kleinen Bogen erreichten wir relativ flott Orth auf Fehmarn und konnten nicht nur einen phantastischen Kaffee, sondern gleich nebenan auch den wunderbaren Griechen genießen. Und das bei durchgehendem Sonnenschein, von früh bis spät! Herrlich!

Wie in Abrahams Schoß: Orth.
Gutes Essen schweißt zusammen!
Zum Ende des Törns konnte zum ersten Mal Vollzeug gesetzt werden!

Am vierten Tag unserer Überführung gab es als Highlight auch noch einen schönen Westwind, sodass wir alle Segel setzten und zum ersten Mal (!) unter Vollzeug unter der Brücke hindurch segelten, um danach den Kurs in das Heimatrevier abzusetzen.
Hinter Dahmeshöved war es wieder vorbei – der Wind war weg => Hochdruckwetter. Also unter Maschine in die Lübecker Bucht. Nach drei Stunden liefen wir an der Nordermole vorbei und machten nach etwa 210 Seemeilen auf dem Heimatplatz fest. Die Überführung mit gesunder Crew und heilem Schiff ist vollendet!

Geschafft: Nach über 200 Meilen im Heimathafen Travemünde!